Weltkultur - Zukunftsstandort Zollverein

Das Gegenteil von "plattmachen" heißt Weltkulturerbe. Wie überall auf der Welt wollte man auch im Ruhrgebiet die Epoche der Großindustrie schnellstens vergessen. Erinnerung auslöschen, "plattmachen", um auf Ebene Null von vorne zu beginnen.

Dann aber zog die IBA Emscher Park mit einem ganz anderen Konzept ins Land, um zu retten, was noch zu retten war: Sein den 90er Jahren heißt es zwischen Ruhr und Emscher, die Zukunft durch Erinnerungsarbeit gewinnen. Eine Verbindung von "Industriekultur" und "Industrienatur" soll das sieche Revier in eine prosperierende Kulturlandschaft verwandeln.

Ein neuartiger Nationalpark inklusive "Prozessschutz" für Natur und Kultur heißt das Etappenziel für die nächsten zehn Jahre. Ein später Triumph der IBA ist die erst im vergangenen Dezember erfolgte Aufnahme von Zeche und Kokerei Zollverein in die UNESCO- Liste des Weltkulturerbes.

Es ist die fünfundzwanzigste Stätte in Deutschland. Aus der Montangeschichte hat es zuvor allein die Völklinger Hütte geschafft. Die Kathedrale der Arbeit rangiert in Nordrhein-Westfalen nun auf einer Stufe mit den Schlössern Augustusburg und Falkenlust in Brühl, dem Aachener und dem Kölner Dom.

Die größte, die modernste, die leitungsfähigste Zeche war die Schachtanlage Zollverein XII in Essen Katernberg, als sich am 1. Februar 1932 die Räder ihres Förderturms zu drehen begannen.

Ein industrieller hochleistungskomplex war nach Plänen der Architekten Fritz Schupp (1896 bis 1974) und Martin Kremer (1894 bis 1945) entstanden, der gleich viermal soviel verwertbare Steinkohle zu Tage fördern konnte wie herkömmliche Anlagen, 12.000 Tonnen pro Tag. Die weiträumige, 20 Gebäude umfassende Anlage ist in strenger Axialität und Symmetrie geordnet.

Das mächtige Doppelbockfördergerüst erhebt sich breitbeinig über dem Schacht. Die benachbarte Kokerei wurde von Schupp 1957-1961 errichtet. Nach der Zechenstilllegung im Dezember 1986 kaufte das Land NRW das Areal, das der Kokerei ist 1993 von der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur übernommen worden.

Schon die IBA hatte Erinnerungswert und Potential der beiden strengen Industriegiganten erkannt: Eine Bauhütte und eine Beschäftigungsgesellschaft wurden gegründet, das ehemalige Kesselhaus von Norman Foster zum NRW-Design-Zentrum umgestaltet, ein Edel-Restaurant zog ins Kasino, ein Museumspfad wurde angelegt, die Kokerei wurde Schauplatz Ausstellungen und selbst zum Kunstobjekt durch die Lichtinszenierung der New Yorker Künstler Spiers & Major.

Im Mai 2001 wurde mit der Entwicklungsgesellschaft Zollverein mbH (EGZ) die Dachorganisation auf Zollverein gegründet, Gesellschafter des Unternehmens sind zu gleichen Teilen die Stadt Essen und die Projekt Ruhr GmbH. Vor allem die EGZ soll die Entwicklung und Vermarktung des symbolhaltigen Geländes voranbringen.

Wolfgang Roters, Abteilungsleiter im Vesper- Ministerium, der Mann, der weitsichtig die Aufnahme von Zollverein ins Weltkulturerbe betrieb, wird ab März zusammen mit Stefan Schwarz sie Geschäftsführung der EGZ übernehmen. Das lässt hoffen.

Ein Weltkulturerbe, sollte man meinen, hat seine besten Tage bereits hinter sich. Es soll erhalten bleiben, um ein Bild von jener Epoche zu vermitteln, in der es seine hohe Bedeutung erlangt hat. Nicht so in NRW, dem Land des fortwährenden Strukturwandels und des Metrorapid, der die Landeshauptstadt Düsseldorf demnächst mit der erst noch zu schaffenden Ruhr-Metropole in nullkommanix verbinden soll.

Zumindest ungewöhnlich ist es, beides zugleich für ein bedeutendes Baudenkmal aus den besten Tagen des Industriezeitalters anzustreben: den Status des Weltkulturerbes und dessen Umbau zu einem "Zukunftsstandort". Von Zielkonflikten will man im NRW-Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport nichts wissen.

Im Gegenteil: "Zollverein ist ohne Zweifel das krönende Symbol der Industriekultur im Ruhrgebiet", ließ sich Minister Michael Vesper auf eben jener Pressekonferenz vernehmen, auf der der radikale Umbau des so gelobten Industriedenkmals vorgestellt wurde. Doch als Kulturminister sollte er wissen: Zollverein liegt auf einem alten Kulturgraben, genau auf der Grenze zwischen Rheinland und Westfalen.

Noch bevor überhaupt sicher war, ob die UNESCO das ungleiche Duo von Zeche und Kokerei in ihre Adelsliste der Baudenkmale aufnehmen würde, hatte die ehrgeizige Landesregierung bei Rem Koolhaas und dessen "Office for Metropolitan Architecture" (OMA) schon einen "Masterplan" bestellt. Denn die "Ikone des Ruhrgebiets" (Vesper) soll nicht museal genutzt werden; das hundert Hektar große Gelände soll vielmehr oder viel weniger zu einem Wirtschaftsstandort der Sonderklasse ausgebaut werden: Design soll's sein, dazu Kulturwirtschaft, Bildung und Tourismus.

Aufbruchstimmung in Essen. Termingerecht einen Tag vor der Präsentation des Masterplanes war die Zusage der Europäischen Union über 30,6 Millionen Euro eingetroffen, die das Land mit 18,4 und die Statt mit 12,3 Millionen Euro sowie weitere öffentliche und private Geldgeber zum erklecklichen Startkapital von rund 100 Millionen Euro aufstocken, um Zeche und Kokerei Zollverein zu einem "integrierten Design- und Kulturstandort" auszubauen. "Startkapital" betonte die Minister, denn ein Vielfaches an privaten Investitionen soll durch die öffentlichen Mittel mobilisiert werden.

Da im Ruhrgebiet öffentliche Starkapitalien, Infrastrukturmaßnahmen, Beihilfen oder Subventionen bisher kaum auf ein entsprechendes privates Echo stießen, steht zu erwarten, dass auch dieses 100 Millionen-Paket nur weitere öffentliche Päckchen nach sich ziehen wird.

Es sei denn, dem großen Planakrobaten Koolhaas gelänge auf Zollverein so etwas wie die Quadratur des Kreises: Weltkulturerbezukunftsstandort. Das aber hieße, die Zukunft nicht auf dem Rücken der Vergangenheit auszutragen; das Erbe zu bewahren, ohne die Entwicklung zu verpassen.

Das Ziel der Landesregierung, bis Ende 2005 im Revier 200.000 Arbeitsplätze zu schaffen, setzt das Prestigeprojekt Zollverein schon jetzt unter gehörigen Druck.

Koolhaas' städtebaulicher Masterplan zeichnet sich durch große Eingängigkeit aus. Allein damit ist er das viele Geld schon wert, das das Vesper-Ministerium dafür springen ließ. Ein Ring soll das "ungeheure Durcheinander" umschließen, die beiden Industriestandorte sollen eine "walled city" werden.

Nach außen will er durch unterschiedliche Grünflächen, begrünte Halden, Parkplätze gegen die Siedlungen und Verkehrswege abgrenzen, durch die Schaffung einer Peripherie die Identität der inneren Zone erhalten. Innen will er verdichten. Drei Bausteine sind Bereits vorgesehen.

Eine "Design School Zollverein", die Aus- und Weiterbildung, aber auch Auftragsforschung betreiben soll, die "Metalorm", eine Art Design-Documenta, die ab 2005 alle fünf Jahre stattfindet, sowie ein neues Ruhrmuseum samt Wechselausstellungspavillon, in dem die IBA-Ideologie von Natur- und Kulturgeschichte des Reviers vermittelt werden soll. Dazu kommt ein neues Besucherzentrum, das Zollverein als Zentrum der "Route der Industriekultur" für 500.000 Touristen pro Jahr erschließen soll.

Bedeutender werden zwei Gewerbeparks ausfallen, die die historischen Industriebauwerke fest in die Zange nehmen. Auf zwei getrennten Brachen im Westen und Osten des Areals werden Neubauten für Gewerbe und Dienstleister entstehen. Dem Masterplan ist nicht zu entnehmen, ein welchem Maß sie das eindrucksvolle Industrieensemble von Zeche und Kokerei als Kulisse für die eigene Selbstdarstellung nutzen.

Überzeugender stellt sich der Erschließungsplan dar. Die alten Schienenstrände werden zu Verbindungswegen ausgebaut. Eine zentrale Promenade über "Skybridges" verbindet einen neuen Bahnhof der Köln-Mindener Eisenbahn mit dem geplanten Ruhrmuseum, der Metaform und dem Besucherzentrum am neuen Eingang II.

Ob der "schwierige Kompromiss zwischen der Lebendigkeit der Moderne und der Ruhe der Geschichte", den Koolhaas als Chance erkannte, gelingen kann, oder bloß zu einer Variante des "kulturell kontrollierten Abrisses" wird, wie schon bei der Heinrichshütte in Hattingen praktiziert, bleibt einstweilen offen. Auf Zollverein steht weil auf dem Spiel.

Das gewagte Konzept der IBA, Kultur als Motor für die Strukturreform einzusetzen, steht erneut auf dem Prüfstein. Das ist politisch brisant: Misslingt die Strukturreform auf Zollverein, lösen die gewaltigen öffentlichen Mittel keine entsprechenden privaten Folgeinvestitionen aus, so steht der Einsatz des Landes für eine Ruhr-Metropole insgesamt zur Disposition, ihrer gesamten Strukturreform droht das Scheitern. 50.000 Einwohner verlassen trotz Milliardenzuschüssen nach wie vor das sieche Revier.

Wenn die Entwicklung auf Zollverein entsprechend Koolhaas' Masterplan erst an Fahrt gewonnen hat, wenn die vielen Neubauprojekte durch Wettbewerbe entschieden , die ersten Investoren ihre Träume Wirklichkeit werden lassen, was wird dann von Zollverein übrig geblieben sein? Führt die UNESCO auch eine rote Liste? Potsdam, man erinnert sich, drohte der Status des Weltkulturerbes aberkannt zu werden, mehrere Neubauten hatten die Havellandschaft entstellt.

 

Artikel von Karl Friedrich Schröer Polis 1/2002